Die provisorische Nomenklatur der kleinen Körper in unserem Sonnensystem

 
 
(von Susanne Plank)

 


INHALT

 

Die Kleinplaneten:

Das Titius-Bodesche Gesetz sagte voraus, daß zwischen Mars und Jupiter, ungefähr 2,8 AE von der Sonne entfernt, ein Planet vorhanden sein sollte. Im Jahre 1800 arbeiteten sechs Astronomen, darunter Johann Schröter als Präsident und Baron von Zach als Sekretär dieses Gremiums, einen Plan aus um diesen fehlenden Planeten zu suchen. Bevor jedoch dieser Plan realisiert werden konnte, entdeckte Piazzi durch Zufall den ersten Kleinplaneten, und zwar sehr nahe dem vorausgesagten Wert von 2,8 AE. Piazzi war gerade dabei einen Sternkatalog zusammenzustellen, als er ein Objekt entdeckte, welches sich von einer Beobachtungsnacht zur anderen deutlich bewegt hatte und das er zunächst für einen schweiflosen Kometen hielt. Piazzi begann genügend Beobachtungen zu sammeln, damit eine Bahn berechnet werden konnte. Die Berechnungen ergaben aber, daß dieses Objekt kein Komet sondern ein Planet ist, der sich in einem Abstand von 2,77 AE um die Sonne bewegt. Es war Ceres, der erste Kleinplanet der entdeckt wurde und dem noch sehr viele folgen sollten.

Die ersten Asteroiden erhielten würdige Namen aus der Mythologie. Im Laufe der Zeit ging jedoch der Vorrat an derartigen Namen zu Ende und es kamen Personen- und Ortsnamen in Verwendung. Im allgemeinen erhalten Asteroiden ihren Namen vom Entdecker, aber erst dann, wenn man ihnen eine offizielle Nummer zuerkannt hat. Derzeit haben rund 10.000 Kleinplaneten eine solche Nummer. Diese bekommt ein Kleinplanet aber erst, wenn genügend Beobachtungen vorliegen, sodaß eine einigermaßen sichere Bahn abgeleitet werden kann. Aber bis es soweit ist, muß der neuentdeckte Kleine Planet mit einer provisorischen Bezeichnung sein Auslangen finden, und das oft lange Zeit. Zuständig für provisorische sowie definitive Benennungen ist die 1919 gegründet Internationale Astronomische Union (IAU).

Neue und alte Richtlinien für die provisorische Bezeichnung von Kleinplaneten nach 1925 bzw. vor 1925

Neue Richtlinien:

Seit dem 1. Jänner 1925 umfaßt die provisorische Bezeichnung das Entdeckungsjahr, gefolgt (nach Zwischenraum) von einem Buchstabenpaar. Der erste Buchstabe bezeichnet den jeweiligen Halbmonat der Entdeckung und der zweite Buchstabe die Reihenfolge der Entdeckung.

Folgendes Schema wird verwendet:

BuchstabeDatumBuchstabe DatumBuchstabeDatum
AJän. 1. - 15.JMai 1.-15.R Sept. 1.-15.
BJän 16. - 31.KMai 15.-31.S Sept.16.-30.
CFeb. 1. - 15.LJuni 1.-15.T Okt. 1.-15.
DFeb.16.- 29.MJuni 15.-30.U Okt. 16.-31.
EMär. 1.- 15.NJuli 1.-15.V Nov. 1.-15.
FMär.16.- 31.OJuli 16.-31.W Nov.16.-30.
GApr. 1.- 15.PAug. 1.-15.X Dez. 1.-15.
HApr. 16.-30.QAug. 16.-31.Y Dez. 16.-31.
Der Buchstabe I wird nicht verwendet und Z wird nicht mehr gebraucht.

Die Reihenfolge der Entdeckung innerhalb eines Halbmonats wird mit dem zweiten Buchstaben ausgedrückt:

A = 1.F = 6.L = 11.Q = 16.V = 21.
B = 2.G = 7.M = 12.R = 17.W = 22.
C = 3.H = 8.N = 13.S = 18.X = 23.
D = 4.J = 9.O = 14.T = 19.Y = 24.
E = 5.K = 10.P = 15.U = 20.Z = 25.
Der Buchstabe I wird nicht verwendet.

Wenn es mehr als 25 Entdeckungen in einer Halbmonats-Periode gibt, wird der zweite Anfangsbuchstabe wiederverwendet und die Nr. "1" hinzugefügt. Bei mehr als 50 Entdeckungen die Nr. "2", bei 76 bis 100 Entdeckungen die Nr. "3" und bei 101 bis 125 Entdeckungen die Nr "4"; usw.
Ein Kleinplanet der z.B. am 22.Jänner 1940 als dritter in diesem Halbmonat entdeckt wurde hat die Bezeichnung 1940 BC und wenn er der 26. in diesem Halbmonat im Jahre 1940 wäre, dann lautete die Bezeichnung 1940 BA1 und der 28. wäre 1940 BC1 usw.

Dieses Schema wurde auch für einige Entdeckungen vor 1925 angewendet, und zwar bei solchen Objekten, bei denen nur der Anfangsbuchstabe der provisorischen Bezeichnung ausgetauscht werden mußte; nämlich das "A". Folglich heißt A904 OA jetzt 1904 OA . Man erkennt unschwer, dieser Kleinplanet wurde als erster in der zweiten Julihälfte des Jahres 1904 entdeckt.

Provisorische Bezeichnungen in Abhängigkeit vom Suchprogramm:

Vier spezielle Suchprogramme wurden zwischen den Jahren 1960 bis 1977 durchgeführt. Am Anfang steht eine Nummer, welche in der Reihenfolge der Entdeckung vergeben wird; dann kommt ein Zwischenraum und anschließend ein Identifizierungs-Zeichen des jeweiligen Suchprogrammes.

Suchprogramm:Erkennungszeichen:
Palomar-Leiden (1960)P-L
First Trojan Survey (1971)T-1
Second Trojan Survey (1973)T-2
Third Trojan Survey (1977)T-3
Einige Beispiele: 2040 P-L, 3138 T-1, 1010 T-2, 4101 T-3

Alte Richtlinien:

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Kleine Planeten einfach nur mit einem Namen versehen. Die Zuteilung einer Nummer, offensichtlich in der Reihenfolge der Entdeckung, wurde um 1850 eingeführt. Am Anfang haben die Entdecker des jeweiligen Kleinplaneten den Astronomischen Nachrichten (AN) die Nummer bekannt gegeben und diese haben sie dann veröffentlicht.

1892 war bereits ein System von provisorischen Benennungen bei AN eingeführt. Eine endgültige Nummer wurde später von den Herausgebern des Berliner Astronomischen Jahrbuches festgelegt, aber erst wenn durch genügend Beobachtungen die Bahn des Asteroiden bekannt war. Das Schema für die provisorische Bezeichnung enthielt das Jahr und einen Buchstaben z.B. 1892 A, 1892 B usw. Der Buchstabe I wurde weggelassen.
1893 waren die 25 zur Verfügung stehenden Buchstaben nicht mehr genug und ein Schema mit Doppelbuchstaben wurde eingeführt z.B. 1893 AA, 1893 AB usw. (wieder ohne I). Sie wurden an die Objekte in der Reihenfolge ihrer Entdeckung, ohne Rücksicht auf den Beginn eines neuen Jahres, fortlaufend vergeben; z. B. auf 1893 AP folgte 1894 AQ.
Im Jahre 1916 war man bei den Buchstaben ZZ angelangt, und da es nicht sehr praktikabel schien mit einer Serie von Dreifachbuchstaben zu beginnen, wurde im Jahr 1916 mit den Buchstaben AA wieder von vorne begonnen (In alten Publikationen war es zum Teil üblich den Buchstaben "J" anstatt des "I" wegzulassen. Die Folge lautete dann: 1892 H, 1892 I, 1892 K usw. Dies entspricht der modernen Benennung von 1892 J).
Es war ein schwerfälliges System, daß keinerlei Spielraum für nachträgliche Eintragungen ließ. Außerdem war es der alten provisorischen Namensgebung für Kometen zu ähnlich; z.B. 1915 a war die Bezeichnung für einen Kleinplaneten und, ohne Zwischenraum, 1915a für einen Kometen.

Während des ersten Weltkrieges haben sich die Astronomen auf dem Crimean Astrophysical Observatory auf der Halbinsel Krim von der offiziellen Benennung distanziert und ein eigenes Schema für ihre Entdeckungen verwendet. Die Kennzeichnung erfolgte auf zweierlei Art:
Griechischer Buchstabe Sigma (Blockbuchstaben) in Verbindung mit einem einzelnen Buchstaben oder mit einer Nummer.

Andere Formen der Benennung, welche auf der Krim und an anderen Observatorien Verwendung fanden und gültig sind:

Jahr + Großbuchstabe:1892 A
Jahr + Doppelbuchstabe:1914 VV
Jahr + Buchstabe:1913 a
Jahr + griech. Buchstabe:1914 gamma
Jahr + SIGMA + Buchstabe:1915 SIGMA r, 1916 SIMA ci
SIGMA + Nummer:SIGMA 27

Kleiner Hinweis zum Suchen: SIGMA wird manchmal abgekürzt zu SIG und bei der Benennung Jahr + SIGMA + Buchstabe wird das Jahr eventuell optional verwendet (SIGMA ci ist die Kurzform für 1916 SIGMA ci).

Temporäre Kleinplaneten-Bezeichnungen

Früher bekamen die Asteroiden oft vorübergehende Benennungen von ihren Entdeckern, bis sie vom Minor Planet Center eine offizielle Provisorische Bezeichnung erhielten. Das ist aber heute nicht mehr notwendig, weil die Kommunikation zwischen den Entdeckern und dem Minor Planet Center sehr rasch durch E-Mail erfolgt. In der Vergangenheit, als die Kommunikation nur langsam vonstatten ging, wurden diese Bezeichnungen auch publiziert.

Einige Beispiele aus einer großen Anzahl von temporären Kleinplaneten-Benennungen:

Washington(Jahr) W (Ziffer)1917 W 15, 1923 W 21
TauntonTaunton (Ziffer)Taunton 83
YerkesY.O. (Ziffer)Y.O. 23
YO (Ziffer)YO 23
TürkeiT-(Ziffer)T-1, T-774
NankingP.O. (Nummer)P.O. 32, P.O. 189
PO (Nummer)PO 32, PO 89

 

Vorläufige und definitve Bezeichnung für Kometen:

Seit undenklichen Zeiten haben die Kometen das Interesse der Menschen geweckt. Durch ihr oft spektakuläres Erscheinen wurden sie manchmal für Boten nahenden Unheils gehalten. Dieses negative Image haben sie längst verloren; sie gelten heute für viele Beobachter als photographisches Objekt der Begierde. Die Kometen werden normalerweise (Zufälle ausgenommen) durch systematisches Suchen entdeckt, wozu ein guter Feldstecher oder ein Teleskop mit einer geringen Vergrößerung aber einem großen Gesichtsfeld am besten geeignet ist.

Durch die Intensivierung der Himmelsüberwachung stieg die Zahl der Neuentdeckungen in den letzten Jahren stark an. Um 1800 wurden nur 2 Kometen pro Jahr entdeckt. Heute liegt die Zahl der Neuentdeckungen, einschließlich der Wiederentdeckungen bereits bekannter Kometen, bei über 20 bis 30 pro Jahr. "Neu" Kometen erhalten den Namen ihres Entdecker, bzw. ihrer Entdecker, wenn gleichzeitige Meldungen von mehreren Beobachtern vorliegen. Dadurch kann es zu Doppel- oder auch Dreifach-Bezeichnungen kommen.

Altes System:

Jeder Komet erhielt eine vorläufige Bezeichnung, die aus dem Entdeckungsjahr gefolgt von einem lateinischen Buchstaben der die Entdeckungsfolge kennzeichnete, bestand. So bedeutete 1996c daß es sich um den dritten im Jahre 1996 entdeckten Kometen handelte. Wenn das einfache Alphabet nicht ausreichte, ging die Zählung weiter mit a1, b1, c1 usw.

Die definitive Bezeichnung für einen Kometen wurde dann vergeben, wenn die Bahnbestimmungen aller in einem Jahr entdeckten Kometen vollständig waren. Die Vergabe richtete sich nach dem Datum des Periheldurchganges, gefolgt von einer römischen Ziffer. Der erste Komet der 1993 durch das Perihel seiner Bahn ging bekam die Bezeichnung 1993 I, der zweite 1993 II, der dritte 1993 III, der vierte 1993 IV usw.

Neues System:

Am 24. August 1994 beschloß die IAU auf ihrer Generalsversammlung, für die Zeit ab 1. Jänner 1995, eine völlige Umgestaltung der Bezeichnung für Kometen.

Sie orientiert sich an der Nomenklatur für Kleinplaneten und wird mit dieser verbunden. Das hat sich als sinnvoll erwiesen, da es nicht immer möglich ist, ein neuentdecktes Objekt eindeutig als Kleinplanet oder Komet einzuordnen. Chiron und Pholus dienen als Beispiel: Chiron wurde ursprünglich als Kleinplanet eingestuft (ursprüngliche Bezeichnung 1977 UB) da er aber seit 1988 eine Koma zeigt gilt er als Komet; er trägt jetzt die Bezeichnung 95P/Chiron. Pholus ist auch ein ehemaliger Kleinplanet mit der ursprünglichen Bezeichnung 1992 AD. Beide werden heute zur Familie der Centauren gezählt. Das sind Kometen die sich auf einer stark exzentrischen Bahn zwischen Jupiter und Neptun bewegen und fälschlich als Kleinplaneten eingestuft wurden.

Die neuen Objekte erhalten eine Jahreszahl und einen Buchstaben, der den Halbmonat ihrer Entdeckung angibt. Innerhalb eines Halbmonats wird dann durchnummeriert.
Beispiel:Das erstentdeckte Objekt im 1. Halbmonat Februar 1998 erhält die Bezeichnung 1998C1 und das drittentdeckte Objekt im zweiten Halbmonat Februar 1998D3.
Ferner wird vor diese Nummer ein Buchstabe mit Schrägstrich gesetzt, um das Objekt, falls möglich, näher zu kennzeichnen:

P/Bedeutet ein periodischer Komet mit weniger als 200 Jahren Umlaufzeit.
C/Wird für einen nichtperiodischen Kometen mit weniger als 200 Jahren Umlaufzeit verwendet.
X/Steht für einen Kometen mit unbekannter Bahn.
D/Ist ein Komet der verschwunden ist oder nicht mehr existiert (sich auflöste).
A/Bekommt ein Kleinplanet.
Eindeutig periodische Kometen erhalten zusätzlich vor dem P/ oder D/ eine fortlaufende Nummer so wie Chiron 95P/ oder Swift Tuttle109P/ (Vorhandene Trümmerstücke werden mit angehängtem -A, -B,- C usw. gekennzeichnet).
Weiteres Beispiel:1P/1682Q1 ist der Halleysche Komet aber
1P/1982U1 bezeichnet die 1982 erfolgte letzte Wiederentdeckung.
Nach der alten Form erhielt er vorerst die prov. Bezeichnung 1982 i (9. in diesem Jahr entdeckter Komet) und die definitive Bezeichnung lautete 1986 III ( Halley war der dritte Komet der 1986 durch sein Perihel ging).

Es gab und gibt weltweit automatische Suchprogramme nach den Kleinen Körpern im Sonnensystem. Z. B. gab es von 1950 bis 1952 die Mc. Donald-Überwachung und 1960 die Palomar-Leiden Überwachung.

Derzeit aktuell:
O.D.A.S. ein europäische Suchprogramm für erdnahe Asteroiden; seit 1997 in Betrieb.
E.A.R.N. (European Asteroid Research Node) besteht aus verschiedenen Forschergruppen, mit dem Ziel der Zusammenarbeit zur Koordinierung von AsteroidenBeobachtungen und zum schnelleren Austausch wissenschaftlicher Informationen.
LONEOS (Lowell Observatorium Object Search) wird am Lowell Observatorium in Flaggstaff entwickelt, um in naher Zukunft zur Suche nach erdnahen Asteroiden verwendet zu werden.
ASTEROID RADAR RESEARCH vom Jet Propulsion Laboratory informiert über die Untersuchung von Asteroiden durch Radarmessnung.
NEAT ( Near-Earth Asteroid Tracking) ist ein automatischer Suchprogramm mit Sitz auf Maui, Hawaii.
SPACEWATCH-PROJEKT setzt sich aus einer Gruppe von Forschern an der Universität von Arizona zusammen, mit dem Hauptziel der Kometen- und Asteroidenbeobachtung.
(Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit !)

Die Zentrale Sammelstelle für Beobachtungen von Asteroiden und Kometen ist das Minor Planet Center (M.P.C.) in Cambridge Massachusetts.

Quellen:
Cambridge Enzyklopädie der Astronomie von...
Wörterbuch der Astronomie von Joachim Herrmann
M.P.C.- Homepage
Spaceguard Foundation - Homepage

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